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Herausforderung: Umgang mit psychischen Beschwerden bei COPD

Die Diagnose „chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)“ kommt für viele Betroffene unerwartet. Die Erkrankung entwickelt sich meist über mehrere Jahre hinweg unbemerkt. Daher sind viele Betroffene schockiert, wenn ihnen die Diagnose mitgeteilt wird. Sie stehen plötzlich vor der großen Aufgabe, die Erkrankung und alle damit verbundenen Auswirkungen in das eigene Leben zu integrieren. Neben den teilweise gravierenden körperlichen Auswirkungen einer COPD, insbesondere eine zunehmende Atemnot und eine Verringerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, leiden viele Betroffene zusätzlich unter psychischen Beschwerden.

In diesem Artikel möchten wir die häufigsten psychischen Probleme von COPD-Patienten beschreiben und Anregungen geben, wie Betroffene lernen können, mit diesen Beschwerden umzugehen.

Viele COPD-Patienten berichten, dass die Krankheit in ihrem Leben einen großen Raum eingenommen hat. Darüber sind eigene Interessen und bisherige Ziele häufig in den Hintergrund getreten. Zudem haben die körperlichen Einschränkungen oft einen großen Einfluss auf den Alltag: Die Betroffenen können häufig immer weniger Aufgaben im Alltag übernehmen, lieb gewordene Gewohnheiten und Hobbys sind unter Umständen nur noch eingeschränkt möglich. Die Betroffenen haben weniger positive Erlebnisse – das kann einen Einfluss auf die Stimmung haben. Viele Betroffene fühlen sich zumindest von Zeit zu Zeit niedergeschlagen und hoffnungslos. Treten mehrere der folgenden Symptome gleichzeitig über mehrere Wochen hinweg auf, kann das ein Zeichen für eine depressive Erkrankung sein.

  1. eine gedrückte Stimmung
  2. weniger Interesse an Aktivitäten, die früher angenehm waren, sowie eine allgemeine Freudlosigkeit
  3. ein verminderter Antrieb
  4. starke Konzentrationsschwierigkeiten
  5. Schuldgefühle und Selbstwertprobleme
  6. hartnäckige Schlaf- und Appetitstörungen
  7. Gedanken an den Tod bis hin zu Suizidgedanken

COPD-Patienten sollten daher sensibel für anhaltende Veränderungen ihrer Stimmung sein. Betroffene können jedoch selbst viel dafür tun, ihr psychisches Befinden und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

Mögliche Folgen krankheitsspezifischer Ängste

Angst vor Atemnot oder sogar Panik können kurzfristig die körperliche Symptomatik verstärken – ein Teufelskreis entsteht. Daraufhin versuchen viele Betroffene, sich zu schonen, und gehen immer mehr belastenden Aktivitäten aus dem Weg. Ein solches Schon- und Vermeidungsverhalten scheint die Atemnot kurzfristig zu verringern, bewirkt langfristig aber das Gegenteil: Durch das Schonverhalten nimmt die körperliche Kondition ab. Der Körper ist weniger belastbar, die Muskeln werden geschwächt. Dadurch wird die Atemnot auch in weniger anstrengenden Situationen größer, was zu einer weiteren Vermeidung körperlicher Aktivitäten und Verschlechterung des Allgemeinbefindens führen kann.

Mögliche Folgen krankheitsspezifischer Ängste

Mögliche Folgen gedrückter Stimmung und Depressivität

Eine gedrückte Stimmung oder Depressivität können sich darauf auswirken, wie Betroffene mit ihrer Erkrankung umgehen: Ein wichtiges Symptom depressiver Erkrankungen ist die Antriebslosigkeit. Betroffene haben häufig das Gefühl, sich zu nichts aufraffen zu können und an nichts mehr Freude zu haben. Im Alltag ziehen sie sich von anderen Menschen zurück und sind generell weniger aktiv. Zudem sind depressive Patienten häufig besonders mutlos in Bezug auf ihre Erkrankung und deren Behandlungsmöglichkeiten. Das kann zu einer schlechteren Selbstfürsorge führen: Untersuchungen zeigen, dass depressive COPD-Patienten häufig ihre Medikamente nicht wie verordnet einnehmen, die Sauerstofftherapie nicht angemessen durchführen, Arzttermine nicht wahrnehmen und Rehabilitationsmaßnahmen eher abbrechen.

Mögliche Folgen gedrückter Stimmung und Depressivität

Was können Betroffene tun, um mit psychischen Begleitsymptomen wie Angst, Sorgen oder Niedergeschlagenheit umzugehen?

Folgende Schritte können Betroffene selbst unternehmen, um ihr Befinden positiv zu beeinflussen:

Sich öffnen und Hilfe annehmen – ein erster wichtiger Schritt

Psychische Beschwerden sind in unserer Gesellschaft leider nach wie vor stigmatisiert. Aus diesem Grund fällt es vielen Menschen schwer, sich anderen gegenüber zu öffnen, wenn es ihnen nicht gut geht. Dabei ist es gerade im Rahmen einer chronischen Erkrankung eine normale Entwicklung, dass von Zeit zu Zeit Ängste oder Sorgen auftreten. Ein wichtiger erster Schritt ist es, sich einer anderen Person anzuvertrauen, auch wenn das häufig Überwindung kostet.

Wichtige Ansprechpartner bei psychischen Beschwerden

  1. Betroffene sollten ihre Behandler direkt ansprechen! Diese können zu allen krankheitsrelevanten Themen beraten. Möglicherweise können sie auch unnötige Ängste relativieren. Aus diesem Grund sollte der behandelnde Arzt der erste Ansprechpartner bei psychischen Problemen sein. Wichtig: Versuchen Sie, zum Experten in eigener Sache zu werden. Erkundigen Sie sich über die COPD und darüber, was Sie selbst tun können, um Ihre Gesundheit und Lebensqualität zu erhalten. Auf diese Weise können Sie selbst viel zu einem positiven Befinden beitragen.
  2. Auch Familie und Freunde sind häufig eine gute Unterstützung, schon deswegen, weil es vielen Betroffenen leichter fällt, sich einer nahestehenden Person anzuvertrauen. Allerdings müssen Angehörige häufig selbst erstmal lernen, wie sie ihren Partner am besten unterstützen können. Dafür ist eine offene Kommunikation zwischen Betroffenen und Angehörigen wichtig.
  3. Auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Hier können sich Patienten mit anderen Betroffenen, die in einer ähnlichen Situation sind, über die Erkrankung, ihre Folgen und den persönlichen Umgang sowie Lösungen für Alltagsprobleme austauschen.
  4. Lungensportgruppen sind eine weitere gute Möglichkeit, andere Betroffene zu treffen und sich auszutauschen. Häufig bilden sich dadurch andere Gemeinschaften, die füreinander da sind und sich unterstützen – auch über den Lungensport hinaus.
  5. Manche Menschen bevorzugen auch Personen aus ihrem weiteren Umfeld, wie z. B. einen Pfarrer oder Geistlichen. Auch Pflegekräfte oder andere Betreuungspersonen können wichtige Ansprechpartner sein.

Generell ist eine offene Kommunikation über Begleiterscheinungen der COPD-Erkrankung sehr wichtig. Sich anderen mitzuteilen kann entlastend wirken und bei der Bewältigung der Erkrankung helfen.

Bewegung – ein gutes Mittel gegen Angst und Depressivität

Auch regelmäßiges Training und körperliche Betätigung sind ein gutes Mittel gegen Depressivität und Ängstlichkeit und können langfristig zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

Was können Betroffene zusätzlich im Alltag für ihr psychisches Befinden tun?

Betroffene sollten auf ausreichend Bewegung achten und versuchen, „sich selbst dabei zu ertappen“, wenn sie sich zu wenig bewegen. Weitere wichtige Aspekte sind:

  1. Achten Sie auf Ihre individuellen Belastungsgrenzen.
    • Planen Sie rechtzeitig Pausen ein.
    • Setzen Sie sich konkrete und realistische Ziele im Alltag.
    • Nehmen Sie Hilfe in Anspruch bei den Dingen, die Ihnen schwerfallen.
    • Trauen Sie sich, „Nein“ zu sagen und sich abzugrenzen, wenn Ihnen etwas zu viel wird.
  2. Versuchen Sie, Ihren Blick auf das zu richten, was Sie noch können, und nicht nur darauf, was nicht mehr möglich ist.
  3. Beziehen Sie Freunde und Familie mit ein: Teilen Sie anderen mit, auf welche Weise sie Sie am besten unterstützen können. So helfen Sie anderen dabei, für Sie da zu sein.
  4. Vernetzen Sie sich mit anderen Betroffenen und tauschen Sie sich aus. Selbsthilfegruppen sind eine gute Möglichkeit, andere Betroffene kennenzulernen, und bieten eine gute Unterstützung im Alltag.
  5. Integrieren Sie hilfreiche Übungen und körperliche Aktivitäten in Ihren Alltag. Treffen Sie andere Betroffene, z. B. in einer Lungensportgruppe. Gemeinsam kann man sich häufig besser motivieren als alleine.
  6. Gestalten Sie Ihren Alltag so, dass ein ausgewogener Wechsel von Aktivität und Erholung entsteht!

Ab wann sind psychische Begleitsymptome behandlungsbedürftig?

Wenn psychische Symptome über mehrere Wochen fortbestehen und die alltägliche Lebensführung, berufliche Leistung oder soziale Aktivitäten zusätzlich einschränken, ist fachliche Unterstützung notwendig!

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?

Zur Behandlung von Angsterkrankungen und Depressionen können verschiedene Methoden eingesetzt werden:

Ihr Arzt kann Sie beraten, welche therapeutischen Alternativen für Sie am besten sind oder Sie ggf. an einen geeigneten Psychiater oder Psychotherapeuten überweisen.

Medikamentöse Behandlung

Es gibt zur Behandlung psychischer Begleitsymptomatik viele gut wirksame Medikamente. Ihr ärztlicher Behandler kann hier eine Empfehlung aussprechen oder Sie bei Bedarf an einen Facharzt für Psychiatrie überweisen. Wichtig: Heutzutage werden an verschiedenen Stellen vermeintlich „leichte und sanfte Alternativen“ zu Psychopharmaka (z. B. Johanniskraut) beworben. Es kann jedoch sehr gefährlich sein, ohne Wissen eines Arztes Substanzen gegen psychische Beschwerden einzunehmen, da diese u. U. die Wirksamkeit Ihrer COPD-Medikation beeinträchtigen können. Bitte konsultieren Sie immer einen Facharzt, bevor Sie Substanzen/Medikamente gegen psychische Beschwerden einnehmen!

Wichtig: Es gibt viele wirksame Therapieoptionen gegen psychische Beschwerden, bei denen kein Abhängigkeitsrisiko besteht. Ihr Facharzt kann am besten einschätzen, welche für Sie die richtige Maßnahme ist.

Psychotherapeutische Behandlung

Auch eine psychotherapeutische Behandlung kann sich positiv auf das psychische Befinden und die Lebensqualität auswirken. Untersuchungen zeigen beispielsweise für eine sogenannte Verhaltenstherapie gute Erfolge. Auch hierzu können Sie Ihren ärztlichen Behandler ansprechen, der Sie bei Bedarf weiter überweisen wird. Wichtig: Die Kosten für eine psychotherapeutische Behandlung werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

Pneumologische Rehabilitation

Auch eine umfassende qualitativ hochwertige pneumologische Rehabilitationsbehandlung kann positive Effekte auf das psychische Befinden haben: In einer aktuellen Untersuchung führte eine Kombination aus Rehabilitation und psychotherapeutischer Unterstützung zu einer bedeutsamen Verbesserung des psychischen Befindens der Betroffenen.